“Mehrtürer für den Frieden” – Proteste gegen Hess-Verherrlichung

Unter Polizeischutz und lauten Protesten gedachten gestern ca. 80 Alt- und Neonazis dem Kriegsverbrecher und Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess. In München fand damit die einzige erlaubte offene Gedenkveranstaltung statt.

Umringt von ca. 300 NazigegnerInnen fanden sich am Ende bis zu 80 RechtsextremistInnen hinter zweireihigen Polizeiabsperrungen am Fischbrunnen auf dem Münchner Marienplatz ein. Es wurden rechte Lieder gespielt und in Redebeiträgen der NS-Verbrecher Rudolf Hess verherrlicht. Bis auf wenige Ausnahmen wurden die Beiträge der Nazis jedoch von lautstarken Pfiffen und Rufen überdeckt.

Offene Verherrlichung des Nationalsozialismus

Die auf der Versammlung gezeigten Transparente, Schilder und getragenen T-Shirts glorifizierten unverhohlen den NS-Funktionär mit Sprüchen wie “Rudolf Hess von Besatzern ermordet” oder “Rudolf Hess – sein Opfer unser Auftrag”. Auch nur gering verklausulierte Werbung für den Nationalsozialismus war sichtbar auf einem Transparent der JN München mit der Aufschrift “Unser Sozialismus ist national”.

Selbst ein Redebeitrag mit dem Schlusswort von Rudolf Heß in den Nürnberger Prozessen, in dem er seiner Hitler-Verehrung freien Lauf lässt und sich erneut zum Nationalsozialismus bekennt, durfte ungehindert abgespielt werden. In weiteren Redebeiträgen wurde verbreitet, Rudolf Hess und auch Jürgen Möllemann seien von Geheimdiensten ermordet worden.

Immer wieder wurden Musik gespielt, die antisemtische und rassistische Texte enthielt, es war sogar nur geringfügig verändertes NS-Liedgut zu hören.

A.I.D.A.-Archivs

Laute Proteste

Trotz all dieser Vorfälle waren die Nazis insgesamt sehr isoliert. Neben den anwesenden über 300 NazigegnerInnen erregte das Szenario auf dem Marienplatz die Aufmerksamkeit zahlreicher TouristInnen und PassantInnen, die zum Teil sehr erstaunt und empört darüber waren, wie offen Neonazis heute in Deutschland auftreten. Die rechten Transparente waren nur zu sehen, wenn man sich direkt an die Absperrgitter begab. Auch war an den meisten Stellen auf dem Marienplatz dank lauter Pfiffe und Rufe kaum etwas von den rechten Hetztreden und -liedern zu hören.

Aufmarsch am morgigen Samstag

NS-Verherrlichung stoppen

Man wolle aber auch “hautnah dort sein, wo die Neonazis marschieren”, zitiert die Süddeutsche Zeitung den KZ-Überlebenden Martin Löwenberg zum für morgen in München geplanten Neonaziaufmarsch. Der Aktivist von NPD und “Kameradschaft München” Norman Bordin hat von 13 Uhr bis 17.30 eine Versammlung unter dem Motto “Nur ein Esel glaubt noch an den Sozialstaat in der BRD! – Rückführung statt Integration” angemeldet. Zwei in Dorfen angemeldete rechte Veranstaltungen wurden hingegen abgesagt.

Angesichts der zeitlichen Nähe zum gestrigen Todestag von Rudolf Hess werden die Nazis auch diesen Aufmarsch als inoffiziellen “Gedenkmarsch” verstehen. Laut Informationen von antifaschistischen Organisationen ist die Auftaktkundgebung der Neonazis ist von 13 bis 14.30 Uhr am Stachus geplant. Danach soll es von der Sonnenstraße aus über den Sendlinger-Tor-Platz, Blumenstraße und Frauenstraße zum Isartorplatz gehen, wo für die Zeit von 15.30 bis 16 Uhr eine Zwischenkundgebung angekündigt ist. Danach wollen die Neonazis über den Thomas-Wimmer-Ring zur Maximiliansstraße laufen und dort eine Abschlusskundgebung von 16.30 bis 17.30 Uhr abhalten.

Angemeldet sind zwei Protestkundgebungen. Von 10 bis 18 Uhr findet am Sendlinger-Tor-Platz eine Kundgebung unter dem Titel “Kein Raum für Nazis” statt. Ein Bündnis ruft unter dem Motto “München ist bunt – nicht braun” zu einer Kundgebung auf dem Marienplatz von 11.15 bis 14 Uhr auf. Doch vermutlich werden sich viele MünchnerInnen der Einschätzung von Martin Löwenberg anschließen.